AnonAustria: Die Öffentlichkeit giert nach Enthüllungen, die Politiker bloßstellen

Noch zwei Tage, vier Stunden, irgendwas Minuten - der Countdown tickt, und wenn er abgelaufen ist, will AnonAustria die Bombe platzen lassen. Der österreichische Ableger des Hacker-Kollektivs gehört zu den aktivsten auf der ganzen Welt, und auch gegen die Vorratsdatenspeicherung, die in Österreich ab 1. April in Kraft tritt, engagiert sich die Gruppe. In der “Operation Pitdog” will man die eMail-Accounts “Dutzender” Politiker” quasi in einer Gegenüberwachungs-Aktion infiltriert und brisante Informationen ergattert haben - via Twitter hat man noch nicht namentlich genannte Politiker zur “präventiven Selbstanzeige” aufgefordert. FPÖ, aber noch mehr SPÖ und ÖVP sollten sich schon mal Sorgen machen, und außerdem deutete man bereits süffisant an, dass Werner Faymann etwas mit Laura Rudas gehabt haben könnte - was immer das heißt.

Geil auf Leaks
Der Wirbel vor der Veröffentlichung hat einiges gebracht - bis hin zu einem Aufmacher-Artikel auf www.oe24.at hat der Enthüllungs-Countdown es geschafft. Redakteure gehen für den Wochenend-Dienst bereits in Stellung und harren ungeduldig der angekündigten Leaks. Klar scheint schon jetzt: Zeitungen und Online-Medien werden voll sein mit den Enthüllungen von AnonAustria, sofern sie auch nur halbwegs halten, was sie versprechen - übrigens auch Details zu möglichen technischen Mängeln bei der VDS durch Internet- und Telekom-Provider (“Operation Free All Pwnies”).

Im Rausch der Enthüllungen
"Der Skandalisierungsdiskurs erzeugt einen medialen Rausch, der das populäre Bild von der "schmutzigen Politik" endlos vervielfältigt", schrieb der Kulturphilosoph Wolfgang Müller-Funk vom Wiener Institut für Europäische und Vergleichende Literaturwissenschaft kürzlich in seinem Standard-Kommentar "Die skandalisierte Republik”.

So wären Enthüllungen im Zuge der Telekom-Affäre, etwa die “nicht ganz koscheren Finanzierung eines Verbandsblatts oder der Nachweis, wer bei wem welchen Bock geschossen hat”, wahrscheinlich Lappalien geblieben, wenn sie nicht in dem Kontext aufgedeckt worden wären, meint Müller-Funk. Und befürchtet gleichzeitig, dass “alle gesellschaftliche Energie und mediale Aufmerksamkeit in diesem Land vollständig vom “Korruptionssumpf” aufgesogen” wird und wir in dem Enthüllungsrausch auf Reformen vergessen.

Skandalblutrausch
AnonAustria muss man zugestehen, dass sie das Spiel mit der Aufmerksamkeit pefekt mitspielen. Die meisten ihrer Ziele sind schlau gewählt - der Hack der ungeliebten ORF-Gebühreneinheber GIS steht exemplarisch dafür, der angekündigte Leak könnte das toppen. Interessant wird aber umso mehr sein, was die Enthüllungen mittelfristig bewirken - oder ob es beim “Skandalblutrausch” bleibt.

Das Phänomen will ich übrigens demnächst näher erkunden und habe mir dazu das neue Sachbuch “Der entfesselte Skandal" von Bernhard Pörksen und Hanne Detel zur Rezension bestellt. "Alle senden, speichern, publizieren. Manchmal reicht schon ein einziger Klick, und in falsche Kanäle geratene E-Mails und Fotos, Handyvideos und SMS-Botschaften beenden eine Laufbahn und besiegeln ein Schicksal", heißt es im Beipacktext - das sollte spannend werden.

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