An Mark Zuckerberg: Nimm dir nicht Steve Jobs zum Vorbild, sondern Jimmy Wales

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat das richtige Ziel, aber er nimmt den falschen Weg, finde ich. Es ist eine gute Idee, die Welt “more open and connected” zu machen, wie der 28-Jährige immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt. Eine eher schlechte Idee von Anfang an war, das Instrument dazu - Facebook - dem Kapital auszusetzen.

Dem Einfluss des Geldes ausgesetzt
Seit dem Investments von Silicon-Valley-Größen wie Peter Thiel, Reid Hoffman oder Reid Hoffman haben nicht nur Millionen Nutzer Facebook am Radar, sondern auch Risikokapitalgeber. Kuchenstück für Kuchenstück verscherbelte Zuckerberg Teile seines Unternehmens an Geldgeber und Mitarbeiter. Facebook-Anteile wurden zerstückelt und weiterverkauft, landeten auf Plattformen wie SharesPost und SecondMarket und zogen schließlich die Aufmerksamkeit der US-Börsenaufsicht SEC auf sich.

Das Unausweichliche tritt ein, und Facebook überschreitet Ende 2011 die magische Grenze von 500 Teilhabern, die von der Firma verlangt, ihre Finanzen gleich einem börsennotierten Unternehmen quartalsmäßig offenzulegen - da kann man sich gleich an der NASDAQ listen lassen und ein paar Milliarden damit verdienen.

Steve Jobs und Bill Gates nacheifern
Zuckerberg, der wohl nur auf der Bühne und nicht Vollzeit Idealist ist, könnte das nicht ganz ungelegen gekommen sein. Immerhin zählen Apple-Legende Steve Jobs und Microsoft-Ikone Bill Gates zu seinen Vorbildern, die ihm in privaten Treffen geschäftliche Tipps zuflüsterten. Der eine baute die heute wertvollste Firma der Welt, der andere war lange Zeit der reichste Mann der Welt. Dorthin gebracht haben sie die zwei der größten geschlossenen Systeme der IT-Welt: Windows und die iOS-Geräte.

Und so bastelt auch Zuckerberg fleißig an der nächsten Insellösung, die etwa auch der WWW-Erfinder Tim Berners-Lee als “walled garden” (eingezäunter Garten) kritisiert. So wie auch die Apple-Welt ist Facebook Privatgelände, in der “Zuck” das Hausrecht hat und alle(s) hinauswerfen kann, die/was nicht in seinen Business-Plan hineinpasst - zum Beispiel Spitznamen, Bilder von Nippeln oder Pirate-Bay-Links.

Anders als Steve Jobs und Bill Gates hat Zuckerberg aber das Problem, dass er nicht mit Hard- bzw. Software handelt, sondern mit den Daten seiner Nutzer. Das lässt sich mit einem Gedankenexperiment schnell beweisen: Würde morgen keiner mehr zu Amazon gehen, hätte diese noch Lagerhäuser voller Waren. Würde morgen keiner mehr zu Facebook gehen, hätte das Online-Netzwerk nur mehr einen Haufen Daten, den man in drei Monaten löschen müsste. Deswegen fühlen sich viele der Mitglieder richtigerweise wie Waren der Plattform und nicht wie Kunden.

Denke lieber wie Jimmy Wales
Sollten Dir, lieber Mark Zuckerberg, 2012 plötzlich die Nutzer weglaufen, der Börsenkurs weiter einbrechen und es mit Facebook bergab gehen, dann überdenke deine Strategie (wenn es nicht schon zu spät ist). Statt Steve Jobs solltest Du dir besser Jimmy Wales zum Vorbild nehmen, der mit Hilfe der Nutzer mit Wikipedia die größte frei zugängliche Wissensdatenbank der Welt aufgebaut hat - und zwar ohne Risikokapital und Börsengang, sondern mit Spenden.

Wenn jeder der 900 Millionen Nutzer im Jahr drei Euro pro Jahr für den Betrieb spenden würde, würden pro Jahr 2,7 Mrd. Euro zusammenkommen - also etwa so viel, wie Facebook 2011 Umsatz gemacht hat (3,7 Mrd. Dollar). Ich bin mir sicher, dass sich Millionen Menschen finden, die für eine freie, nicht kommerzielle Version von Facebook einen kleinen Betrag zahlen würden. Von Kairo bis Peking: Die Menschen lieben es, online zu plaudern, sich zu vernetzen, Fotos anzuschauen, sich selbst zu präsentieren und nebenher ein paar Millionen Direktnachrichten zu verschicken - das wäre ihnen der Gegenwert von drei Angry-Birds-Spielen schon wert.

Wirklich offen
Die Idee eines freien, dezentralen Netzwerk ist nichts Neues - Open ID und Diaspora stehen exemplarisch für die bisher nicht sehr erfolgreichen Bestrebungen einer solchen freien Identitäts-Plattform. Leider fehlt ihnen das Zugpferd, und mit Deinen Kontakten (selbst der mächtigste Mann der Welt, Barack Obama hat Dich schon besucht) könntest du das Thema schnell vorantreiben, Facebook wirklich offen gestalten (nicht einen “Open Graph” vortäuschen) und Dich mit wichtigeren Problemen herumschlagen als mit sinkenden Aktienkursen.

Wenn man aktuelle politische und wirtschaftliche Entwicklungen mitverfolgt, wird man das Gefühl nicht los, dass die Menschen bald ein solches freies Netzwerk brauchen werden. Stell Dir zum Beispiel mal vor, wie Millionen Facebook-Profile aus Protest gegen ein US-Gesetz wie CISPA, gegen das syrische Regime oder für ein besseres Finanzsystem einen Tag schwarz machen (wie es Wikipedia gegen SOPA tat) und gemeinsam auf die Straßen gehen. Das wäre dann wahrscheinlich die wirkliche Facebook-Revolution.

P.S.: Einen Text ähnlicher Aussage habe ich bereits im Oktober 2010 in “The European” veröffentlicht.

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