Plädoyer für Pseudonyme: Warum echte Namen die Internet-Trolle nicht vertreiben

Als Schreiber für die futurezone.at muss man ja eigentlich ziemlich dankbar sein, was die Community betrifft: Unter den Artikeln wird meist sachlich diskutiert, fast nie geschimpft und auch sonst sehr wenig Blödsinn geschrieben. Die Nutzer treten zu gefühlten 80 bis 90 Prozent mit Pseudonym auf. In den Foren von anderen Online-Medien geht es oft ziemlich heftig zu: Redakteure verbringen täglich Stunden damit, die Kommentare zu sichten und ggf. zu löschen, wenn sie zu herb sind und den Richtlinien nicht entsprechen. Bis hin zu Mordrohungen von anonymen Postern gegenüber den Redakteuren soll es dort kommen.
Klarnamen auf dem Vormarsch
Auch große Social-Media-Seiten wie YouTube und Twitter hadern mit dem Umstand, dass bei ihnen unter Pseudonymen viele Gehässigkeiten geschrieben werden. Facebook, wo nur 8,7 Prozent der Accounts “fake” sind, gilt mit seinem Zwang zu echten Namen als Lösung für diese Probleme. Die Annahme: Wer unter Klarnamen im Netz kommentiert und veröffentlicht, muss für Beschimpfungen, Anfeindungen, Drohungen etc. mit seiner echten Identität einstehen und wird das Trolling deswegen unterlassen.
Facebook bietet mit Facebook Comments sogar ein eigenes Kommentar-System an, dass man unter seine Artikel hängen kann. Dann kann man nur mehr kommentieren, wenn man sich mit seinem Facebook-Account anmeldet. Der Tech-Blog Techcrunch hat das etwa gemacht.
Alles nicht so einfach
Leider ist das Problem der pöbelnden, schimpfenden Internet-Trolle nicht einfach per Klarnamen-Gesetz zu ändern. Wenn man etwa einen Blick auf die Facebook-Seite des österreichischen Rechtspolitikers HC Strache wirft, ist die Theorie schnell widerlegt. Denn auch unter Klarnamen schreiben dort Facebook-Nutzer wüste Beleidigungen und sogar Gewaltandrohungen.
In Südkorea wollte man die Internet-Trolle bereits im Jahr 2007 das Leben schwermachen. Webseiten mit mehr als 100.000 Nutzern mussten dort die Klarnamen-Pflicht einführen - was lediglich zu einer Senkung von Hass-Postings von 0,09 Prozent zur Folge hatte. Echte Namen haben also nicht bravere Nutzer zur Folge - wohl einfach deswegen, weil Menschen Menschen sind, unterschiedliche Meinungen haben und oft einfach nicht zivilisiert miteinander reden wollen.
Anonymität und Pseudonyme sind wertvoll
Große Internetkonzerne drängen auf eine Abschaffung von Pseudonymen nicht nur deswegen, um das Netz freundlicher zu machen, sondern auch, weil sich echte Identitäten besser an die Werbewirtschaft verkaufen lassen. Facebook verdiente mit seinen personalisierten Anzeigen im 2. Quartal 2012 mehr als 1 Milliarde US-Dollar, während Twitter und YouTube noch keine Jubelmeldungen über ihre Werbeeinnahmen veröffentlichten.
Was viele nicht bedenken ist, dass sowohl Nutzer als auch die Betreiber Anonymität und Pseudonymität gut brauchen können. Netzaktivisten in autoritären Regimen würden ihre Freiheit und sogar ihr Leben in Gefahr bringen, wenn sie unter echter Identität die Regierung kritisieren oder zu Demos aufrufen.
Kommentieren, wie man will
Aus medienwirtschaftlicher Sicht haben Pseudonyme ebenfalls ihren Wert: So hat der Internet-Dienst Disqus erhoben, dass Nutzer mit Pseudonymen 6,5 Mal mehr Kommentare als anonyme Nutzer und 4,7 Mal mehr Kommentare als Facebook-Nutzer schreiben - und dementsprechend wichtig für ein lebendiges Online-Forum sind.
Disqus bietet nicht zufällig ein Kommentar-System an, in dem man sich mit Twitter, Facebook, Google+ oder Disqus-Account anmelden oder einfach anonym posten kann. Und jetzt ratet mal, wo ich Disqus eingebaut habe…
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Quelle futurezone.at