App.net: Werbefreies Anti-Twitter will ohne Verkauf von Nutzerdaten auskommen

Ich habe ja schon öfter geschrieben, dass sich viele Probleme von Online-Netzwerken lösen würden, wenn sie werbefrei und nicht kommerziell wären (z.B. “An Mark Zuckerberg: Nimm dir nicht Steve Jobs zum Vorbild, sondern Jimmy Wales”, “Go East”). Zu einigen Projekten, die Social-Media-Dienste ohne Notwendigkeit zum Datenverkauf entwickeln wollen, gesellt sich nun ein weiteres dazu: App.net. Die beiden Gründer Dalton Caldwell und Bryan Berg wollen einen Echtzeit-Social-Stream bauen, der anders als Facebook oder Twitter gänzlich ohne Werbung auskommt.

Caldwell und Berg haben 2003 den Musik-Dienst Imeem in San Francisco gegründet und ihn 2009 um eine Million Dollar an MySpace verkauft. Imeem setzte damals auf ein für die Nutzer kostenfreies, weil werbefinanziertes Modell und sackte als erster Musik-Dienst Deals mit allen vier großen Plattenfirmen ein. Außerdem hat Caldwell den Instagram-Rivalen picplz gegründet, der aber wieder abgedreht wurde.

Nutzer sollen Betrieb finanzieren
2012 wollen Caldwell und Berg es anders machen. App.net (eine Alpha-Version gibt es bereits zu sehen) soll ausschließlich mit Mitgliedsbeiträgen finanziert werden. Bis Dienstag will App.net insgesamt 500.000 Dollar bei freiwilligen Unterstützern sammeln (Kickstarter lässt grüßen) - heute Sonntag hat man bereits mehr als 450.000 Dollar geschafft. Für 50 Dollar bekommt man eine Jahresmitgliedschaft - umgerechnet also etwa 3,38 Euro pro Monat (oder ein Krügerl Bier).

Dafür bekommt man einen Service, der sehr stark an Twitter erinnert, bei dem man die Rechte an seinen Inhalten behält und jederzeit seine Daten exportieren oder löschen darf.

"Wir werden niemals persönliche Daten, Inhalte, Interessen oder Klicks an Werber verkaufen", versprechen die App.net-Betreiber. "Anstatt unsere Zeit damit zu verschwenden, neue Funktionen für Werbetreibende zu entwickeln, wird sich unser Entwickler- und Produkt-Team zu 100 Prozent darauf fokussieren, einen innovativen und verlässlichen Dienst zu bauen."

In einem offenen Brief an Facebook-Chef Mark Zuckerberg übt Caldwell, dessen Firma fast von Facebook aufgekauft worden wäre, außerdem scharfe Kritik: „Du hast ein Geschäft aufgebaut, das finanzielle Motive verfolgt, die nicht im Einklang mit den Interessen von Nutzern und Entwicklern sind. Dein Unternehmen, und Twitter auch, hat bewiesen, dass es die Nutzer und unabhängige Entwickler verarschen will, alles im Namen der Werbeeinnahmen.”

10.000 Nutzer genügen
Interessant an App.net ist auch, dass der kleinen Firma aus San Francisco im Prinzip 10.000 Nutzer (= 500.000 Dollar/Jahr) reichen, um starten zu können - und ist damit nicht dem Zwang ausgesetzt, ständig neue Nutzer (=Daten) zu bekommen, die monetarisiert werden. Mit Robert Scoble (US-Blogger), Marco Arment (Instapaper-Macher), Jason Calacanis (Investor), Avner Ronen (Boxee-CEO), Justin Maxwell (Ex-Apple-Designer) oder J Nightingale (Firefox-Entwickler) hat das Projekt einige wichtige Unterstützer in der Silicon-Valley-Szene gefunden.

Dass die 500.000 Dollar bis Dienstag erreicht werden, erscheint derzeit sehr wahrscheinlich, denn die gesammelte Summe, die online angezeigt wird, wächst mit jeder Minute. Dass App.net einen brauchbaren Dienst aus dem virtuellen Boden stampft, übrigens auch: Das Team hat bereits für iOS, Android, Facebook und Twitter entwickelt.

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