diaspora: Wie der Internet-Kommerz die Macher des Anti-Facebook verführte

An Vorschusslorbeeren hat es ihnen mit Sicherheit nicht gemangelt: Als die vier New Yorker Studenten Dan Grippi, Maxwell Salzberg, Raphael Sofaer und lya Zhitomirskiy (letzterer starb 2011 tragischerweise im Alter von 22 Jahren) im Sommer 2010 mehr als 10.000 Euro für den Start ihres Anti-Facebooks diaspora sammelten, war ihnen weltweite Aufmerksamkeit gewiss. Kein Wunder: Damals stand Facebook bereits in der Kritik der Datenschützer, nachlässig mit den Nutzerdaten umzugehen und diese an die Werbewirtschaft zu verkaufen.
Freiheits-Gedanke als zündender Funke
Inspiriert von einem Vortrag des Free-Software-Vordenkers Eben Moglen starteten die Vier diaspora. Das freie, offene, dezentrale und nicht-kommerzielle Online-Netzwerk kam vielen gerade recht, sah diaspora schließlich aus wie das genaue, sympathische Gegenteil von Facebook. Doch zwei Jahre später glauben die diaspora-Gründer, von denen nur mehr Salzberg und Grippi geblieben sind, selbst nicht mehr an ihr Anti-Facebook. Heute, Dienstag, haben sie in einer E-Mail an angemeldete Mitglieder verkündet, dass sie die Weiterentwicklung der diaspora-Community übergeben.
“Das Netzwerk hat tausende Nutzer und wurde in insgesamt 50 Sprachen übersetzt, mit mehr als hundert Entwicklern, die sich daran beteiligt haben”, schreibt Grippi in einem Blogeintrag. Es sei an der Zeit, das Projekt weiterzuentwickeln. “Es ist größer als das, was vier Jungs in ihrer Schulzeit gestartet haben. Deshalb legen wir Diaspora heute in die Hände der Community.” Interessierte können sich den Code bei Github holen und selbst damit herumspielen. Ob dass die Nutzer-Gemeinde, die hauptsächlich in den USA (u.a. die Occupy-Bewegung) und Deutschland (u.a. Piratenpartei) zu Hause ist, zur Weiterentwicklung inspiriert, ist abzuwarten.
Das Projekt kam nicht vom Fleck
Was ist also aus dem einstmals ambitionierten Crowdfunding-Projekt geworden, das als Anti-Facebook bejubelt wurde? Nun, zuallererst kamen die Gründer mit der Entwicklung nicht so schnell voran, um den ersten medialen Rückenwind voll auszunutzen. Im November 2010 veröffentlichte man eine Alpha-Version, die in Sachen Funktionsumfang niemanden vom Hocker haute und nur wenigen Nutzern zur Verfügung stand (ich bekam damals einen Account). Während Facebook im Wochenrythmus neue Funktionen ausspuckt (dort arbeiten auch mehr als 3500 Menschen), waren die diaspora-Macher schon fast damit überfordert, die Basics zum Laufen zu bringen.
Erst ein Jahr später konnten sich dann weitere Nutzer anmelden - in der Zwischenzeit hatte das Interesse an diaspora sichtlich abgenommen. Dazu kamen finanzielle Probleme, weil der Bezahl-Dienst PayPal das Konto von diaspora aus nicht bekannten Gründen sperrte, auf dem zehntausende Dollar Spenden lagen.
Wie das Silicon Valley diaspora vereinnahmte
Das schwierige Vorankommen veranlasste das diaspora-Team zu einer folgenschweren Entscheidung: Sie zogen ins Silicon Valley, dem internationalen Zentrum des Internet-Kommerzes. Im Mai wurde bekannt, dass diaspora im Rahmen des Y-Combinator-Programmes weitereinwickelt werden würde. Im Klartext heißt das: Y Combinator als wichtigster Inkubator des Silicon Valley (u.a. auch bei AirBnB, Dropbox, Disqus oder Posterous an Bord) bekam Firmenanteile von wahrscheinlich fünf bis zehn Prozent und drängten Maxwell und Grippi in Folge wohl, brav in Richtung Kommerzialisierung zu denken.
Davon zeugte bald eine neue Funktion bei diaspora, die es nicht länger zum Anti-Facebook machte: Man konnte sich per Facebook-Login anmelden, und diaspora wurde nur zu einem weiteren Web-Service unter vielen anderen, der als verlängerter Arm der Datenkrake Facebook dient.

Business machen statt Welt verändern
Dass diaspora von Maxell und Grippi nicht mehr die volle Aufmerksamkeit bekam, ist wohl die Schuld ihres neuen Projektes Makr.io: Brav nach alter Silicon-Valley-Regel ist Makr.io ein Web-Dienst, der rund um Fotos aufgebaut ist (damit erzielt man die meiste Nutzer-Interaktion, siehe Facebook, Instagram, Pinterest, etc.). Nutzer sollen Bilder hochladen, mit lustigen Texten versehen und so etwas wie eine Mem-Maschine in Gang setzen, die Internet-Witze viral verbreiten kann (mehr Details dazu in meinem futurezone-Bericht).
Noch ist Makr.io ohne Werbung und Gebühren zu nutzen - doch sieht man sich die florierenden Mem-Webseiten des Cheezburger Network an, erahnt man schon die Geschäftsideen, die hinter Makr.io stecken könnten - das hippe Design, das stark an das digitale Foto-Album Pinterest erinnert, spricht ebenso Bände über die Ausrichtung des Dienstes. Ob ihr großer Erfolg beschieden ist, bezweifle ich nach einem ersten Test - und die einst idealistischen diaspora-Macher werden wohl als traurige Randnotiz in der langen Geschichte des alles vereinnahmenden Internet-Kommerzes enden.
Quelle digitalsirocco