#OpBigBrother: Anonymous rüstet zum großen Angriff auf den Überwachungsstaat

“Fuck your System”, soll es am 20. Oktober 2012 heißen - denn an diesem Tag planen Anonymous-Aktivisten den ganz großen Angriff auf “Big Brother”. Der Überwachungsstaat, seine Zulieferer und seine Technologien rücken ins Fadenkreuz der Hacktivisten, und wenn man ihren bis dato vorliegenden Plänen glauben schenken kann, dann ist online als auch offline mit verschiedensten Aktionen zu rechnen.
Die “Operation Big Brother”, kurz #OpBigBrother genannt, soll die bis dato größte Anonymous-Aktion werden und Regierungen und Unternehmen ins Visier nehmen, die mit ihren Überwachungstechnologien die Welt beherrschen und außerdem ihre Gegner, darunter Anonymous, tracken und zerstören wollen. So wird es zumindest in einem ziemlich gut gemachten Online-Video dargestellt, das offensichtlich von deutschen Anonymous-Aktivisten online gestellt wurde:
Die #OpBigBrother setzt sich, so wie ich das verstehe, aus zwei Teil-Operationen zusammen. In den USA wollen Anonymous und seine Verbündeten gegen das geheime Überwachungssystem TrapWire vorgehen, dessen Existenz die Enthüllungs-Plattform WikiLeaks einer größeren Öffentlichkeit bewusst gemacht hat - deswegen #OpTrapWire. In Europa soll gegen das Überwachungs-Projekt INDECT vorgegangen werden, das von der EU mit elf Millionen Euro finanziert wird - die #OpINDECT. Als zentrale Koordinations-Seite hat sich offenbar http://we-are-legion.eu herauskristallisiert, wo die Aktionen beschrieben und zu IRC-Channels, Twitter-Accounts, Facebook-Seiten und E-Mail-Adressen weiter geleitet wird.
Die #OpTrapWire
Staatliche Überwachung mit neuen Technologien ist Hackern seit jeher ein Dorn im Auge. Neu angefacht hat diesen Zwist die WikiLeaks-Enthüllung zu einer Software namens TrapWire, die in US-Städten wie New York, Los Angeles, Las Vegas, Washington DC und London zum Einsatz kommen soll. TrapWire soll Überwachungs-Kameras miteinander vernetzen (auch städteübergreifend) und verdächtige Aktivitäten erkennen - so soll in Los Angeles gar ein Anschlag verhindert worden sein.
Die “Enthüllung” von TrapWire - die Software ist eigentlich schon länger bekannt und vielleicht gar nicht mehr so gebräuchlich, mehr dazu in meinem futurezone-Artikel - hat bei Netzaktivisten und Bürgerrechtlern jedenfalls die Angst vor einer staatlichen Totalüberwachung neu entfacht. Schließlich erfasst das System nicht nur Terroristen, sondern könnte auch gegen normale Demonstranten oder unbescholtene Bürger eingesetzt werden.
Bündnis mit WikiLeaks und anderen Hacktivisten
Gemeinsam mit WikiLeaks, der Hacktivisten-Truppe Peoples Liberation Front (sie sieht Chaos Computer Club und Piratenparteien als Alliierte) und dem Project PM (will eine Datenbank über die Überwachungs-Industrie aufbauen) will Anonymous am 20. Oktober gegen TrapWire losschlagen. So wurde der 20. Oktober - zumindest diesem Aufruf zufolge - zum “Smash A Camera Saturday” erkoren.
Unterstützer der #OpTrapWire werden dazu aufgerufen, Überwachungskameras zu zerstören, und zwar vorzugsweise solche, die im Internet hängen und Daten live an eine zentrale Stelle senden könnten. Kameras werden dazu auf einer Google-Maps-Karte verzeichnet. Weil TrapWire auch Social Networks wie Facebook überwachen soll, will man mit “tausenden Fake-Accounts” eine Art “weißes Rauschen” erzeugen und das System mit unbrauchbare Daten stören. Außerdem sollen die Server von TrapWire ausfindig gemacht und gelöscht werden.
Die #OpINDECT
In Europa bereitet das Überwachungsprojekt INDECT Netzaktivisten und Bürgerrechtlern bereits seit längerem Sorgen. Das „intelligent information system supporting observation, searching and detection for security of citizens in urban environment” soll Videodaten von Überwachungskameras und fliegenden Drohnen mit Informationen aus dem Internet (z.B. Social Networks), Gesichtserkennung und Polizeidatenbanken live verknüpfen können, um strafrechtliche Bedrohungen in Echtzeit erkennen zu können - was stark an TrapWire erinnert.
Strittig bei INDECT ist nicht nur die Objekterkennung - Techniker sollen definieren, welches menschliche Verhalten “gefährlich” ist -, sondern generell, wie realistisch die Umsetzung ist. Länder wie Polen und Deutschland lehnen den Einsatz von INDECT bis dato ab, und 2013 ist es unklar, wie es mit dem Forschungsprojekt mit österreichischer Unterstützung weitergehen wird.
Straßenproteste und DDoS-Attacken
Während die US-Proteste gegen TrapWire offenkundig eher Hacks und Sachbeschädigung vorsehen, wollen die Aktivisten in Europa eher den klassischen Weg gehen. Wie aus dieser Liste ersichtlich ist, sind bis dato Straßenproteste in Deutschland (u.a. mit Unterstützung der Piratenpartei), Portugal und Frankreich geplant. Digitale Info-Flyer gibt es bereits zum Download, ob die Aktionen echte Demonstrationen werden oder nur kleine Paperstorms bleiben, bleibt abzuwarten.
Einige Aktivisten dürften aber auch DDoS-Angriffe und Deffacements auf Webseiten von Forschungseinrichtungen planen, die am INDECT-Projekt mitarbeiten, wie aus dieser Liste hervorgeht.
Ausgang mehr als offen
Die Pläne zur #OpBigBrother stehen also, und neben den erwähnten wird es wohl noch andere geben, die in geschlossenen IRC-Channels ausgeheckt werden. Mehr als zweifelhaft ist allerdings, wie mächtig dieser Angriff auf Trapwire und INDECT werden kann. Die Anonymous-Bewegung ist 2012 ein wenig zum Erliegen gekommen und braucht nach dem Erfolg gegen ACTA im Juli einen neuen Impuls, um weiter relevant zu bleiben.
Und eines ist wohl auch klar: Die verschiedenen Protestpläne lassen sich relativ einfach ergoogeln, und dementsprechend werden Behörden und Ziele von den Absichten der Anons bereits Wind bekommen haben. Nicht umsonst werden Sympathisanten an jeder Stelle darauf hingewiesen, Tor oder VPNs zum eigenen Identitätsschutz zu verwenden. Das wiederum könnte potenzielle Unterstützer davon abbringen, mitzumachen - ob aus dem virtuellen Plänen ein echter Sturm auf den Überwachungsstaat wird, ist also aus heutiger Sicht noch stark anzuzweifeln.
Quelle digitalsirocco