Alec Ross: Wie der Cyber-Guru von Hillary Clinton WikiLeaks, SOPA und Twitter sieht

“Bitte zögere nicht, mir undiplomatische Fragen zu stellen.” Ich bin diese Woche mit Alec Ross (@AlecJRoss), der US-Außenministerin Hillary Clinton in Technologiefragen berät, in Wien zusammengetroffen - also einem Politiker aus dem Machtzentrum der Welt. Er gilt als Social-Media-Guru, hat den Internet-Wahlkampf von Barack Obama im Jahr 2008 mitgestaltet und zählt laut Newsweek zu den 100 einflussreichsten Internet-Politikern.
Ross (40) ist sympathischer Typ, bei dem man nicht zögert, den Satire-Blog “Texts from Hillary” über seine Chefin auf Tumblr anzusprechen. Der Fotowitz mit Ryan Gosling ist übrigens ihr Favorit, sie hat den Bloggern sogar Fotos zukommen lassen und nimmt die Persiflage insgesamt sehr positiv auf. Ross ist aber natürlich auch einer, der die Sichtweise der USA auf das Internet repräsentiert und mitdefiniert, er schult etwa alle neuen US-Botschafter in Sachen Internetkommunikation und Social Media ein. Seine Antworten sind höflich, clever und gewählt, aber zwischen den Zeilen lässt er keine Zweifel aufkommen, wie die USA zu folgenden Themen stehen:
Über Online-Netzwerke: Ob WikiLeaks, Facebook oder Occupy: Ross zufolge findet gerade eine Machtverschiebung von Hierarchien hin zu Netzwerken, vom Staat zum Bürger hin statt. “Das 21. Jahrhundert ist eine harte Zeit für Kontroll-Freaks”, sagte Ross. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, aber es ist interessant, dass auch hochrangige US-Beamte dieser gewahr sind.
Über WikiLeaks: Die Bedeutung der Enthüllungs-Plattform und vor allem der Leaks der mehr als 250.000 US-Depeschen versuchte Ross zu schmälern. „WikiLeaks hat vor allem aufgedeckt, dass unsere Diplomaten einen guten Job machen. Zeig mir eine Depesche, in der ein Riesen-Skandal steckt.“
Über Twitter: Mit mehr als 370.000 Followern gehört Ross (übrigens ein guter Freund von Twitter-Gründer Jack Dorsey) zu den Twitter-Schwergewichten der Politik. Doch das Sharen von Informationen hätte Grenzen: „Ich tweete nicht darüber, wo ich gerade Frappucino oder Wein trinke. Ich bin da etwas vorsichtiger, weil das schnell falsch interpretiert werden kann.“
Über Datenherausgabe: Überwachungsvorwürfe in Bezug auf Twitter (laut deren Transparency Report im ersten Halbjahr 2012 680 Mal Nutzerdaten abgefragt wurden), schwächt Ross ab. Man wolle nicht die freie Meinungsäußerung beschneiden, sondern gegen gefährliche Personen vorgehen. Die hinter den Accounts stehenden Nutzer wären großteils deswegen ausgeforscht worden, weil sie Morddrohungen gegen führende Politiker (Barack Obama, Hillary Clinton, ihn selbst) geäußert hätten.
Über direkte Demokratie: Ross meinte zwar, dass das Internet neue Formen von Bürgerbeteiligung erlaube (z.B. die Online-Initiative “We The People”) und ein Mehr an Kampagnen von unten (z.B. SOPA-Proteste) zur Folge hätte, sagte aber auch:
„Die direkte Demokratie wird die repräsentative Demokratie nicht ersetzen.“
Über politische Transparenz: Als hochrangiger Beamter im US-Außenministerium weiß Ross, dass Politik Geheimnisse braucht. „Ich glaube nicht an totale Transparenz, mit einer Webcam in meinem Büro könnte ich meine Arbeit nicht machen.“
Über den Arabischen Frühling: “Das waren keine Facebook- oder Twitter-Revolutionen”, sagte Ross über die Aufstände in Nordafrika. Vielmehr hätten Arbeitslosigkeit, Korruption, Hass auf die Regierenden und hohe Lebensmittelpreise dafür gesorgt. Er gestand Social Media aber eine Rolle als Beschleuniger der Revolutionen zu. Zu diesem Schluss sind schon viele andere gekommen, mehr dazu in meinem kommenden Buch “Digitaler Frühling”.
Über Syrien: Angesprochen auf den Bürgerkrieg in Syrien verwies Ross auf das 100-Millionen-Dollar-Projekt des US-Außenministeriums für die Entwicklung von so genannten Umgehungstechnologien - also Hightech, mit der Dissidenten, Aufständische, Revolutionäre in mehr als 40 autoritären Staaten der Welt die Internetzensur der Regierung umgehen. In Syrien ist “Internet in a suitcase” im Einsatz. Er gestand aber auch zu, dass Handys nicht die Panzer besiegen könnten.
Über China: Auf China sieht Ross neue Zeiten herankommen. “In China gibt es mehr als 500 Millionen Internetnutzer, 350 Millionen nutzen Mikroblogs, die Hälfte davon ist jünger als 25 Jahre”, so Ross. Diese würden nach mehr Transparenz verlangen, und deswegen würden in letzter Zeit immer mehr Korruptionsfälle an die chinesische Öffentlichkeit hochkochen.
Quelle futurezone.at