Innovationen: Warum die Fantasy bessere Ideen als die Science Fiction liefern kann

“Wir wollten fliegende Autos, aber bekommen haben wir 140 Zeichen.” Diesen Satz kann man aktuell auf der Webseite des Founders Fund aus San Francisco lesen. Moment mal… einer der wichtigsten IT-Investoren der USA, der sein Geld bei Facebook, Path, Palantir, RapLeaf, Spotify oder Asana angelegt hat, regt sich darüber auf, dass wir heute lediglich Twitter nutzen, anstatt im DeLorean durch die Gegend zu fliegen? Gibt es denn keine großen Visionen mehr?

“Die Zukunft, wie sie die Menschen in den 1960ern zu sehen hofften, ist immer noch jene Zukunft, auf die wir seit einem halben Jahrhundert warten. Statt Captain Kirk und die USS Enterprise haben wir Preisvergleichs-Portale und Billigflüge bekommen”, schreibt Bruce Gibney vom Founders Fund in einem sehr interessanten Aufsatz. Vielleicht sei man gar am Ende der IT-Geschichte angelangt und müsse jetzt einmal alles nachholen, was sich die Menschheit so in den vergangenen Jahren selbst erträumt hat.

Die Science Fiction hat keine neuen Ideen mehr
Frank Schätzing, der bekannte deutsche Science-Fiction-Autor von “Der Schwarm” und “Limit”, meinte schon vor mehr als zwei Jahren in einem Interview zu mir: “Die Science Fiction der 1950er und 1960er hat unglaublich weit vorausgedacht. Wir waren lange zu glauben bereit, dass es 2001 die von Stanley Kubrick so schön in Szene gesetzte Weltraum-Odyssee gibt. Dann haben wir festgestellt, dass nichts von dem, was er uns versprochen hat, eingetroffen ist. Die Wirklichkeit hat nach wie vor damit zu tun, dieser alten Science Fiction nahezukommen. Deswegen kann die Science Fiction momentan gar keine neuen Visionen entwickeln, weil die alten ja noch nicht einmal eingelöst sind.”

Stagniert die Technologie?
Wer 2012 nach neuen, revolutionären Technologien oder IT-Ideen sucht, der wird sich schwer tun, etwas Neues zu finden. Smartphones sind eben Smartphones, der Mars wurde auch nicht zum ersten Mal angeflogen (die Viking-Sonden landeten bereits in den 1970ern auf dem Roten Planeten), und Googles Augmented-Reality-Brille ist auch nicht die erste ihrer Art.

Stattdessen gibt es “more of the same”: Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein Web-Dienst startet, der nicht in irgendeiner Art und Weise “social” oder “mobile” ist und versucht, ein Business aus dem Analog-Zeitalter in der digitalen Welt neu auszurollen. Ein schönes Beispiel: Die Milliarden-Übernahme der Foto-App Instagram durch Facebook findet im selben Jahr statt, in dem der Foto-Pionier Kodak bankrott geht.

Keine echten Revolutionen
Vor allem bei Social Media (also Technologien, die uns als der letzte Schrei verkauft werden), wird viel zu oft von der Revolution gesprochen. “Stellen wir uns vor, Social Media würde von heute auf morgen verschwinden. Würde die Wirtschaft kollabieren? Ich glaube nicht”, merkt etwa Steven Strauss von der Harvard-Universität an.

Apple-Gründer Steve Jobs, Facebook-Chef Mark Zuckerberg oder Amazon-CEO Jeff Bezos gelten vielen Jungunternehmern in der Hightech-Welt als Vorbilder, deren Erfolg es nachzueifern gilt. Doch kann man so wirklich etwas Revolutionäres schaffen? Ich habe eher den Eindruck, als würde sich die IT-Branche nur mehr selbst kopieren. Die Copycat-Fabrik “Rocket Internet” der deutschen Samwer-Brüder (z.B. mit dem AirBnB-Klon Wimdu), die unzähligen Patentstreitigkeiten zwischen Smartphone-Herstellern und das Hype-Wort “Cloud”, auf das jede erdenkliche Firma setzt, sind gute Beispiele für diese Stagnation.

Mit viel Fantasie
Wo kann man sich heute also noch zu Großtaten inspirieren lassen? In der Science-Fiction-Literatur gibt es nicht mehr viel zu holen - mit Ideen zu Hologrammen (Star Wars), fliegenden Autos (Zurück in die Zukunft) oder Holodecks (Star Trek) kann man heute wohl niemanden mehr hinter den Ofen hervorlocken.

Was aber, wenn man sich von der Fantasy-Literatur inspirieren lässt? Denken Sie nur einmal an Fuchur, den liebenswürdigen Flugdrachenhund aus der “Unendlichen Geschichte”. Welche Eltern würden ihrem Sprößling nicht einen personalisierten Begleiter kaufen, der ihn verlässlich zur Schule bringt, auf ihn aufpasst und gleich noch ein guter Freund ist?

Weitere Inspirationsmöglichkeiten: Geschichten von Vampiren oder Elben erzählen vom ewigen Leben, “Game of Thrones” und “Harry Potter” von Drachen und Zaubereien, “Der Herr der Ringe” vom Unsichtbar-Sein und sprechenden Bäumen. Wer genau schaut, wird in den modernen Märchen viele Dinge finden, die die Menschen wirklich gerne hätten.

Wer jetzt meint, dass es ganz großer Unsinn ist, sich Ideen aus der Fantasy-Literatur zu holen, der sollte auch ganz genau schauen. Die Welt der Fantasie beeinflusst bereits einige Hightech-Firmen. Nicht umsonst nennt Apple seine Geräte sehr schlau “magisch”, und im Silicon Valley sitzt eine weitgehend unbekannte Firma, die große Datenbestände für Zukunftsvorhersagen analysiert. Ihr Name? Palantir - so wie die sehenden Steine aus “Herr der Ringe”.

Member of The Internet Defense League