Project Stratos & die Marslandung von Curiosity: Alter Wein in neuen Schläuchen


links: Felix Baumgartner, 2012, rechts: Joe Kittinger, 1960

Am Sonntag Abend kam man in der Medienwelt an einem Ereignis nicht vorbei: Felix Baumgartners Sprung aus 39 Kilometern Höhe, a.k.a. “Project Stratos”. Bis zu 8 Millionen Zuseher auf YouTube, 2,3 Millionen beim ORF, “Trending Topic” auf Twitter und mehr als 500.000 Facebook-Likes für das Foto von Baumgartner zurück am Boden. Doch was die Massen beim “Project Stratos” als auch bei der Marslandung von Curiosity begeisterte, ist eigentlich ein alter Hut.

Es ist der größte Marketing-Stunt aller Zeiten, meint Blogger-Kollege Georg Holzer, “Red Bull hat die Medien in eine Falle gelockt”, sagt Medienpsychologe Peter Vitouch ob der Dauerberichterstattung auf allen Kanälen - klar: Das “Project Stratos” hat par excellence vorgeführt, wie man einen Event inszenieren kann. Dramatik, Heldentum und Bestleistungen, alles inklusive - da schaut mensch halt gerne zu, und wenn das Ganze dann auch noch von einer Marke gesponsert ist, freut sich die Marke über die Aufmerksamkeit.

Nicht wirklich bahnbrechend
Doch was haben wir da eigentlich gesehen? Eigentlich nichts bahnbrechend Neues. Am 16. August 1960, also vor 52 Jahren, ist der US-Pilot Joseph Kittinger aus einer Höhe von 31.332 Metern gesprungen (Bild oben rechts) und stellte damals drei Weltrekorde auf. Baumgartner hat ihn gestern überboten und ist als erster Mensch Überschallgeschwindigkeit im freien Fall - nun, gefallen eben.

Im Unterschied zu 1960 stand ihm aber ganz andere Technologie zur Verfügung. Abgesehen von den neuen Rekorden, die noch bestätigt werden müssen, gibt es aber noch einen gravierenden Unterschied: “Project Stratos” wurde mit zig Kameras und Live-Übertragungen zum medialen Riesen-Event in TV und Internet aufgeblasen, dem Millionen (Milliarden?) Menschen live zusehen konnten.

Die gar nicht so neue Marslandung
Baumgartners medialer Stunt hat mich an ein anderes Ereignis 2012 erinnert, das ebenfalls ganz groß auf allen (Social-Media-)Kanälen zu sehen war: Die Landung des NASA-Rovers Curiosity am Mars. Die Fotos von der Oberfläche gingen um die Welt, als würden wir den Mars das erste Mal mit eigenen Augen sehen. Auch hier relativiert sich die scheinbar fantastische Geschichte durch einen Blick zurück.


links: Curiosity, 2012, rechts: Viking Lander, 1978

Der Lander der Viking 1 landete am 20. Juli 1976 auf der Marsoberfläche und schickte von dort 2300 Fotos (siehe Bild rechts), teilweise in Farbe, und funktionierte bis November 1982. Was wie eine außergewöhnliche Bestleistung der NASA aussah, hatte sie selbst also schon vor 34 Jahren geschafft.

Die Revolution passiert auf der Erde
Felix Baumgartner und der NASA muss man ihre Erfolge natürlich zugestehen - doch das “höher, schneller, weiter” verwundert kaum, wenn man sich den Fortschritt der Technik seit 1960 bzw. 1978 vergegenwärtigt. Es wäre wohl äußerst verwunderlich, wenn man die alten Leistungen nicht überbieten könnte.

Das wirklich Interessante passiert meiner Meinung nach aber nicht in der Stratosphäre oder am Mars, sondern hier unten auf der Erde. Unsere Medien bzw. Internet-Gesellschaft ist so weit fortgeschritten, dass eigentlich gar nicht so spektakuläre Ereignisse zu solchen gemacht werden. Das liegt nicht nur an Unternehmen wie Red Bull, die Millionen Werbe-Dollar in solche Inszenierungen buttern, sondern auch am Publikum. Denn es selbst sorgt für die spektakulären Zahlen (YouTube-Seher, Quoten, Likes, Retweets, Kommentare, etc.), die ein Großereignis erst zum Großereignis machen.

Von Project Stratos und Curiosity wird man in 50 Jahren nur mehr in Fußnoten und Randnotizen lesen - das Internet im Allgemeinen und Social Media im Besonderen werden aber Hauptkapitel bekommen.

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